4 Jahre - Mein Rückblick


Ausgerechnet Madagaskar

Als Mama merkte, dass sie schwanger war, saß sie gerade ohne Papa auf der kleinen Insel Nosy Mangabe, mitten im Indischen Ozean und filmte für ihre Madagaskar-Dokumentation. Papa saß derweil nichtsahnend zu Hause. Da in den entlegenen Gebieten Madagaskars die Telefonverbindung schlecht ist, dauerte es auch noch eine Weile, bis ihn die frohe Botschaft per SMS aus den Socken kippen ließ. Papa und Mama hatten nach einer Fehlgeburt so lange auf mich gewartet. Die Freude über meine Anwesenheit war deshalb groß. Genauso groß wie ihre Angst, ich könnte sie ebenfalls wieder verlassen. Mama kam es vor wie ein Deja-Vu mit schlechten Vorzeichen, denn als sie beim ersten Mal merkte, dass sie schwanger war, saß sie ausgerechnet auch gerade auf Madagaskar. Doch wir kämpften uns gemeinsam durch die steile Bergnebelwaldregion von Marojejy, um die Silky Sifakas - die seltensten Halbaffen unserer Erde - zu filmen und manch anderes Abenteuer zu bestehen. Mama hatte so viel Angst, mich nicht heil nach Hause zu bekommen. Aber sie hat es geschafft!


Pränataldiagnostik - Segen oder Fluch?

Mama hatte die 35 schon leicht überschritten, als sie mit mir schwanger war. Deshalb legte man ihr das sogenannte Ersttrimesterscreening ans Herz. Hierbei werden per Ultraschall die Nackenfalte und das Nasenbein in der 12. SSW vermessen und 2 Blutwerte aus dem mütterlichen Blut (freies ß-HCG und PAPP-A) bestimmt. Mama dachte sich: "Warum nicht die modernen Möglichkeiten der Medizin ausschöpfen, um zu sehen, dass alles in bester Ordnung ist?"  Sie merkte gar nicht, dass sie dabei einen ziemlichen Denkfehler im System hatte. Denn was, wenn sich dabei herausstellte, dass eben nicht alles in bester Ordnung ist? Es liegt wohl in der Natur des Menschen (oder zumindest in der Natur von Mama) für sich selbst immer vom Guten auszugehen. Man denkt positiv und fällt dann umso tiefer, wenn Wolken am Horizont aufziehen. In Mamas Fall waren es ziemlich finstere Gewitterwolken: Der Ulltraschallbefund meiner Nackenfalte und des Nasenbeins war gänzlich unauffällig, die Wahrscheinichkeit für Trisomie 21 lag bei 1:823. Doch die Ergebnisse der Blutuntersuchung waren auffällig, so dass hier die Wahrscheinlichkeit bei 1:37 lag. Beide Ergebnisse zusammengenommen ergaben letztlich die Wahrscheinlichkeit von 1:186, dass ich mit Down Syndrom geboren werde. Mama und Papa wurde zu einer Fruchtwasseruntersuchung geraten. Da hatte Mama mich endlich über die kritische Zeit gebracht und nun sollte sie mich einem Risiko aussetzen?

 

"Ich werde die Fruchtwasseruntersuchung nicht machen lassen und das Leben des Kindes gefährden!" sage ich kämpferisch. "Wenn eine Abtreibung aufgrund eines Trisomie21-Befundes für Sie nicht in Frage kommt, wäre eine Fruchtwasseruntersuchung ein unnötiges Risiko - außer dass Sie sich eher auf den Umstand einstellen könnten!" antwortet der Doc ruhig. "Ich würde dieses Kind niemals abtreiben, nur weil es vielleicht nicht zu meinem bisherigen Lebensplan passt!" sage ich bestimmt und lauere auf Gegenwehr. Kein Versuch, mir ins Gewissen zu reden, mich umzustimmen oder leise Kritik an meiner Entscheidung zu üben? "Ich finde, Sie machen alles richtig!" sagt der Doc leise. Ich würde ihn jetzt gerne umarmen. Nicht, weil er genau das sagt, was ich hören will, sondern weil er genau das meint, was er sagt. Für seine Ehrlichkeit und für seine Menschlichkeit. Und dafür, dass sich unsere Wege gekreuzt haben. (Auszug aus dem Buch "Anders als normal", an dem Mama gerade schreibt, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten)

 

Was für ein Glück für mich, dass Mama diesen Gynäkologen gefunden hatte. In solch einem schwierigen Lebensmoment in seiner Entscheidung bestärkt zu werden, lässt sich mit Gold nicht aufwiegen. Ich wünschte, alle werdenden Eltern eines Kindes mit Verdacht auf Down Syndrom hätten solch einen mutigen Arzt zur Seite, der ihnen nicht aus Angst vor Regressansprüchen ihr Bauchgefühl ausredet! Ja, wir haben das gewisse E-XXX21-tra und keiner sagt, dass ein Leben mit uns immer leicht ist  - aber darf uns dieser kleine Unterschied das Recht aufs Leben kosten?


Diagnose Down Syndrom

In den darauf folgenden Schwangerschaftsmonaten entwickelte ich mich prächtig. Im Ultraschall zeigten sich keine Auffälligkeiten an Herz, Darm und Nieren. Ich war perfektes Mittelmaß! So mittelmäßig, dass der Verdacht auf Down Syndrom in weite Ferne rutschte!

Nach meiner Geburt durchlief ich die U1 als kerngesundes 4 kg Baby mit einer stattlichen Größe von 55 cm. Doch einige Stunden später begannen die Probleme. Ich bekam schlecht Luft und musste ständig erbrechen. Schließlich brachte mich der Kinderarzt in der selben Nacht noch auf die Intensivstation zur Überwachung. Bei meiner eingehenden Untersuchung keimte in ihm der Verdacht. Am nächsten Morgen hatte er die schwierige Aufgabe, meine Eltern von seinem Verdacht in Kenntnis zu setzen und um ihre Einwilligung zum Gentest zu bitten. Ein Schnelltest lieferte dann innerhalb von 3 Tagen ein vorläufiges Ergebnis, das endgültige Resultat dauerte eine Woche. Meine Eltern hatten in dieser Zeit so viele andere Sorgen mit mir, dass die Diagnose Down Syndrom sie nicht wirklich erschüttern konnte.

 

 

Da war an erster Stelle die Tatsache, dass meine Sauerstoffsättigung ständig stark abfiel und der Überwachungsmonitor Alarm schlug. Ich lief dann blau an und bekam eine Atemmaske in die Nase gesteckt. Mama sagt heute noch, dass sie Gänsehaut und Herzrasen bekommt, wenn es irgendwo anfängt zu piepen. Es erinnert sie dann immer an den schrecklichen Alarm.

Dann war da noch mein Leukozyten-Problem. Meine Blutausstriche zeigten viele unreife Zellen und stark erhöhte Leukozyten, was die Ärzte so sehr beunruhigte, dass sie die Proben sogar zu einem Spezial-Onkologen nach Hannover schickten. Seitdem muss mein Blut in regelmäßigen Abständen auf Leukämie überprüft werden und meine Mama gerät jedes Mal in Panik, wenn ich einmal etwas müder bin als sonst.

Durch meine Trinkschwäche nahm ich im Krankenhaus stark ab und die Ärzte weigerten sich, mich zu entlassen, bevor ich nicht wenigstens mein Geburtsgewicht wieder erreicht hatte. Mama war verzweifelt. Sie tat alles, damit ich von ihrer Brust trinken konnte, aber meist schlief ich nach ein paar Schlucken ein und sie musste die Milch für mich abpumpen.

Irgendwann stand dann auch noch der Verdacht auf Mukoviszidose auf dem Plan. Mama und Papa hatten schon langsam Angst durch die Krankenhausgänge zu gehen und einem Arzt zu begegnen, der neue Hiobsbotschaften für sie bereit hielt. Auf das Ergebnis des Mukoviszidose-Tests mussten sie 3 Wochen warten. Dann herrschte große Erleichterung. Eine Sorge weniger.

 

Ach ja, nicht zu vergessen, dass ich hochkant durch den Hörtest gerasselt bin und meine Eltern lange Zeit nicht wussten, ob oder wie viel ich hören kann!

 

Heute sagt Mama, dass es damals zwar wirklich schlimme und bange Wochen für sie waren, aber auf diese schlechte Zeiten folgten die besten Zeiten ihres Lebens und ließen sie Angst und Sorge vergessen.


Anders als normal

Mama und Papa waren ziemlich traurig darüber, dass nach meiner Geburt vor allem in einer Beziehung alles anders als normal war:

Statt guter Wünsche und zahlreicher Besuche, um den Neuan-

kömmling gebührend zu bewundern, herrschte Funkstille. Viele Freunde wussten nicht, wie sie reagieren sollten. Konnte man zu so einem Kind tatsächlich gratulieren? Es fehlten einfach die Worte. Mama sagt, sie kann das verstehen. Ihr wäre es vermutlich nicht anders gegangen, wenn Freunde ein behindertes Kind bekommen hätten. Doch jetzt, wo sie mich haben, wissen sie, dass Liebe und Glück keine Chromosomen zählt. Ich bin ich - und das ist gut und richtig so! Viele Freunde und Bekannte haben wir aus den Augen verloren, seit ich geboren bin. Sie wollten mir vielleicht nicht die Chance geben,  mich richtig kennen zu lernen.  Dafür haben wir aber eine ganze Menge neuer Freunde gefunden, die mich dafür lieben, dass ich ich bin!


Mein erstes Weihnachten

Mein erstes Weihnachtsfest verbrachte ich in dem kleinen Plexiglasbettchen auf der Intensivstation und Mama weinte daheim bittere Tränen, weil sie mich so vermisste. Kurz vor Silvester hatte ich mein Geburtsgewicht endlich wieder und dank einer Coffeinbehandlung wurde auch meine Sauerstoffsättigung so gut, dass ich mit Atem- und Herzmonitor das Krankenhaus verlassen durfte. Vorher mussten meine Eltern noch einen Erste Hilfe Kurs für Wiederbelebung besuchen. Die Ärzte sagten, sie seien "Naturtalente", so gut wie sie die Beatmung an dem Plastikbaby hinbekommen. Mama hatte große Zweifel und riesige Panik, dass sie das im Ernstfall nicht ganz so gut machen würde. Was, wenn statt des Plastikbabys ich vor ihr läge und nicht mehr atmete?

 

Zum Glück musste sie den Ernstfall nie proben. Nach einem Jahr und 2 Schlaflaboraufenthalten im Krankenhaus war ich den Monitor los und wir hatten wieder ein Problem weniger!


Heimat ist da, wo dein Herz wohnt

An dem Tag, als ich zum ersten Mal über die Schwelle in unser Haus getragen wurde, kehrte für mich Frieden ein. Ich verschlief das bombastische Dorffeuerwerk an Silvester. Ich schlief sogar noch bis zum nächsten Mittag ohne Aufzuwachen. Sehr zum Leidwesen von Mama, die dringend ihre Milch loswerden wollte, bevor sie platzte.

Alle machten sich furchtbare Sorgen, warum ich so lange schlief und keinen Hunger hatte. Ich war einfach so froh, der Hektik und den piepsenden Maschinen auf der Intensivstation entronnen zu sein, dass ich mir diese kleine Auszeit gönnte.

Ich bin eben eher der gemütliiche Typ. Ich brauche nachts meinen ungestörten Schönheitsschlaf. Da kann neben mir ein Unwetter toben oder Erdbeben wüten - ich schlafe immer tief und fest.

Auch meine Eltern konnten bald wieder gut und ruhig schlafen, denn sie fühlten sich durch die Betreuung des Bunten Kreises bestens in all ihren anfänglichen Sorgen und Nöten begleitet. Die Krankenschwester Daniela schaute in meinen ersten Lebensmonaten regelmäßig bei mir vorbei und gab Mama viele wertvolle Tipps, damit ich gut gedeihen konnte. Mama durfte jederzeit einen SOS-Anruf absetzen und Daniela war zur Stelle, wenn es ein Problem gab. Sie begleitete mich sogar mehrere Male zum Hörtest . Durch den Bera-Test rasselte ich ganze 6 Mal, weil mein Gehörgang so eng war. Der Test konnte nur durchgeführt werden, während ich schlief und so fuhr meine Mama jedes Mal mit quietschenden Reifen in der Klinik vor, doch ich wachte spätestens im Untersuchungszimmer auf, wenn es ans Eingemachte ging. Das war schon nervenaufreibend! Irgendwann haben sie mich dann aber doch überlistet und ich habe den Hörtest endlich bestanden! An diesem Abend gönnte sich meine Mama ein ordentliches Bier aus ihrer fränkischen Heimat auf mein Wohl! Hatte ich schon erwähnt, dass ich das Produkt einer Mischehe aus einer Oberfränkin und einem Oberbayern bin? Auch wenn Franken durchaus zu Bayern zählt, ist es manchmal eine ziemliche Bürde für meine Mama als "Zugroaste" im oberbayerischen Exil zu leben. Aber was tut man nicht alles der Liebe wegen? Mama sagt immer, das ist ihr kleiner Beitrag zur Völkerverständigung ;-)

 


Mein erstes Jahr


Vor allem habe ich oft meinen Papa ganz doll vermisst, weil er so viel in Afrika unterwegs war. Allein mit Mama zu sein, ist nicht immer so spaßig. Sie kann ganz schön streng sein, wenn ich mal wieder den "Lumpi" mache. Mir fehlt dann die männliche Unterstützung im Haus, denn zusammen mit Papa bekomme ich Mama besser klein ;-)

Klingt das nicht nach stinknormalem Durchschnittsbaby? Meine Mama war überrascht - sie hatte sich das Leben mit einem Baby so viel aufregender vorgestellt. Sie wusste ja auch nicht, dass ich meine Energie für später aufsparte ;-)

Das Einzige, was ich regelmäßig tun musste, war ein bisschen Sport treiben, um meine schlappen Muskeln zu trainieren. Einmal wöchentlich hatte ich einen Termin bei meinem Fitness-Coach. Sie fand mich etwas zu gemütlich. Ich halte es mit der madagassischen Lebensart "Mora, Mora" (Immer mit der Ruhe) - je hektischer die Welt um mich herum wird, desto zenbuddhistischer werde ich! Vielleicht habe ich auch nur Papas Sturkopf geerbt. Wenn der etwas machen soll, was er nicht will, sagt er "Mog net!" und macht es dann auch nicht. Wozu hat man Personal?!

Pünktlich zu meinem 1. Geburtstag konnte ich dann quer durchs Wohnzimmer robben. Mama plante sogar, mir einen Putzlappen unter den Bauch zu schnallen, damit ich gleich ordentlich durchwischen kann, wenn ich sowieso schon unterwegs bin. Aber ich MACHE Dreck - zum Beseitigen habe ich besagtes Personal!

Besonders genervt hat mich in dieser Zeit, dass ich im Liegen zwar perfekt vom Bauch auf den Rücken rollen konnte und auch schön frei sitzen konnte, aber mir fehlte leider jeglicher Plan (und vielleicht auch der Muskel?), um vom Liegen zum Sitzen zu kommen. Ständig auf fremde Hilfe angewiesen zu sein, stimmte mich extrem übellaunig und ich ließ es meist an Mama aus. Ich war ein echter Terrorzwerg!


Mein zweites Jahr


Zusammen leben, lernen, lachen - ist das nicht der Sinn, warum wir auf dieser Welt sind? Meine Familie, meine Opas und meine Oma sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben. Auf sie ist immer Verlass. Sie sind da, wenn ich sie brauche. Oma hat meiner Mama nach meiner Geburt versprochen, dass wir alles gemeinsam hinbekommen und sie hat ihr Wort noch nie gebrochen. Dafür liebe ich sie heiß und innig!

Mein Cousin Mo ist leider kurz nach meiner Geburt mit seinem Papa und seiner Mama für drei Jahre nach China ausgewandert, weil sein Papa dort einen Job zu erledigen hatte. Das war sehr schade, weil ich ihn leider nur an Weihnachten und in den Sommerferien treffen konnte. Ich finde Mo toll - er ist mein großes Vorbild!


Down Syndrom-Familientreff

Anfang 2013 hatte der Bunte Kreis Traunstein die Idee, ein Treffen für Familien mit Kleinkindern, die das Down Syndrom haben, ins Leben zu rufen. Mama hielt das für eine tolle Idee und erklärte sich spontan bereit, die Organisation und Durchführung der Treffen zu übernehmen. Seitdem kommen wir etwa 4 Mal im Jahr alle zusammen, um unsere Erfahrungen auszutauschen oder einfach nur über Dies und Das bei einem gemütlichen Kaffee zu plauschen. Die Treffen erfreuen sich wachsender Beliebtheit und wir dürfen erfreulicherweise immer wieder Neuzugänge begrüßen. Jede Familie ist besonders und hat ihre ganz eigene Geschichte. Mama ist sehr froh, dass sie durch mich all diese besonderen Menschen kennen lernen durfte. Immer wieder zeigt sich, dass wir E-XXX21-tra-Menschen (entgegen der Lehrmeinung) nicht über einen Kamm geschoren werden können. Wir sind Individuen wie jeder Mensch  - mit Stärken und Schwächen.


Das fängt ja gut an

Das neue Lebensjahr startete mehr schlecht als recht für mich: Influenza mit 41 °C Fieber und dann auch noch der RS-Lungenvirus, der mich fast ins Krankenhaus gebracht hätte. Meinen Babyschwimmkurs konnte ich vergessen, stattdessen musste ich dreimal am Tag Cortison inhalieren. Das habe ich abgrundtief gehasst und mich mit allen Mitteln gesträubt. Mama war aber unerbittlich. Sie hat gesungen und Geschichten erzählt, damit die Zeit schneller vorbei geht und ich die gräßliche Atemmaske nicht mehr so merke, die mich wieder an die schlimme Zeit auf der Intensivstation erinnerte.

Irgendwann gingen auch diese Sorgen vorbei und ich erholte mich langsam. Mein Immunsystem ist eben nicht ganz so fit wie das meiner "Normalo"-Freunde, deswegen brauchen meine Eltern immer etwas mehr Nerven und Geduld, bis ich wieder ganz gesund bin.

Papa musste wieder nach Afrika und Mama und ich waren mehr als urlaubsreif. Deshalb packte sie im Frühjahr unsere Koffer und wir reisten in die Sommerfrische zu Oma und Opa nach Oberfranken.


Ferien im Bier- und Bratwurstland

Bei Oma und Opa schaffte ich es dann 3 Monate nach meinem 1. Geburtstag endlich, den Hintern hochzubekommen. Ich schrubbte nicht länger mit meinem Bauch den Boden, sondern krabbelte schnell wie ein Wiesel. Jetzt konnte ich alles erreichen. Man beachte Opa´s zugeklebten Lautsprecher im Hintergrund! Er hatte so ein schönes Loch, dass ich sehr zu Opa´s Leidwesen all meine Bauklötze darin versenkt habe!


Ich mach´s auf meine Art

Genauso wie ich den Hintern hoch bekam, als ICH es selbst wollte, mache ich es mit allem im Leben. Wenn ich etwas will, schaffe ich es. Wenn ich etwas nicht will, dann kann mich nichts und niemand überzeugen, es trotzdem zu tun. Ist mir jemand sympathisch, dann blinzle ich ihm zu oder werfe ihm sogar Luftküsse hinterher. Wenn ich jemanden nicht mag, wird es schwierig. Viele Menschen sagen über uns E-XXX21-tras, dass wir alles und jeden umarmen und abknutschen, weil wir so ein sonniges Gemüt hätten. Aber das stimmt nicht - wir können sehr wohl unterscheiden, was gut oder schlecht für uns ist!  Das betrifft nicht nur Menschen, sondern auch Dinge, die von uns erwartet werden. Ich entscheide selbst, sie zu tun oder auch nicht. Zum Beispiel hat man mir 1 Stunde Ergotherapie in der Woche aufgedrückt. Ich habe aber nicht immer dann Lust, etwas zu spielen, wenn es von mir erwartet wird. Ich lege mich dann einfach auf den Boden und spiele "toter Mann". Wenn man versucht, mich aufzuheben, werde ich zur wabbeligen Qualle und lasse mich partout nicht aufrichten. Mama nervt es furchtbar, wenn ich das durchziehe! Denn sie saust extra einmal die Woche zur Therapie mit mir,  damit ich etwas dazu lerne. Aber ich lerne, wenn es mir passt und nicht, wenn andere das von mir erwarten!


Das Glück der Erde

Das größte Glück der Erde liegt für mich tatsächlich auf dem Rücken von Pferden. Wenn ich mit Opa und seinem Pferd Billy über die Wiesen galoppiere, kichere ich vor Vergnügen. Mama steht dann wie ein Nervenbündel irgendwo in der Landschaft und stirbt tausend Tode - immer bereit Erste Hilfe zu leisten ;-) Ich wünschte, dass Reittherapie nicht so teuer wäre, denn das würde ich sofort gegen jede andere Therapie der Welt eintauschen. Mein ganzes Leben dreht sich um Pferde - mein Schaukelpferd, meine Pferdebücher, mein Spielzeugstall. Ich bin froh, dass wir auf dem Land wohnen. Jeden Samstag zwinge ich Oma oder Mama zu den Koppeln und Stallungen bei uns in Bergen. Dann beobachte ich, wie die Pferde fressen und ausgemistet werden. Das wird nie langweilig. Ohne das geht nichts!


Reiseleidenschaft

In meinem 2. Lebensjahr entdeckte ich meine Leidenschaft fürs Reisen. Da habe ich zu 100 % die Erbmasse meiner Eltern! 

Meine Mama erinnert sich noch sehr genau, wie die Pränataldiagnostikerin aus München ihr damals die Fruchtwasseruntersuchung nahe legte: "Sie können Ihr bisheriges Leben mit all Ihren Reisen komplett vergessen, falls Sie ein Kind mit Down Syndrom bekommen!" 

Änderte sich das Leben denn nicht sowieso erst einmal von Grund auf, wenn ein Kind geboren wird? Wieso sollte Reisen mit einem E-XXX21-tra-Kind weniger möglich sein, als mit einem "normalen" Kind?

 Ich bin jedenfalls mit Mama und Papa nach Andalusien geflogen, weil sie mit mir lieber erst einmal einen Kurzstreckenflug testen wollten. Den Hinflug nahm ich total routiniert und war so vertieft in mein Wimmelbuch, dass ich Start und Landung glatt verpasste.

 

Das Reisen eröffnete mir neue Horizonte:  Ich feierte meinen zweiten Geburtstag in einem Lehmhaus in Spanien und eines Tages stand ich einfach auf und begann zu laufen, weil mir der Strand so gut gefiel! Ich hatte von einem Tag auf den anderen einen Meilenstein in meiner Entwicklung zurück gelegt - weil ICH es wollte!

Deswegen war dann auch der Rückflug nicht ganz so entspannt. Wie kann man angeschnallt sitzen bleiben, wenn man zwei funktionierende Füße hat, um das Cockpit zu erkunden? Ich war kaum zu bändigen und alle waren nach dem 2-stündigen Flug so entnervt, dass sie beschlossen, den Langstreckenflug nach Afrika vorerst auf unbestimmt zu verschieben!


Mein drittes Lebensjahr


Der "Ernst des Lebens"

Seit Januar 2014 hat für mich das Berufsleben begonnen: Ich habe einen integrativen Krippenplatz in meinem Heimatdorf bekommen! Ich freue mich jeden Tag auf die anderen Kinder und es kann mir oft früh nicht schnell genug gehen, bis ich angezogen bin. Die Kinder akzeptieren mich so wie ich bin. Sie kümmern sich um mich, wenn ich etwas nicht ganz so gut hinbekomme. Weil ich ein schlechteres Durstempfinden habe als "normale" Menschen, trinke ich immer viel zu wenig. Mein Freund Noah bringt mir dann meine Tasse und flößt mir Tee ein.

Ich kann es gar nicht leiden, wenn ein anderes Kind weint. Das macht mich so traurig, dass ich sofort mitweine und nur schwer wieder zu beruhigen bin. Da kann das andere Kind schon längst wieder fröhlich sein - ich bin noch lange Zeit furchtbar mitgenommen.


Die Wunsch-Großeltern

Papa´s Mutter ist leider schon 2008 verstorben. So hatte ich nicht die Gelegenheit, meine Oma kennen zu lernen. Aber ich weiß, dass mich meine Oma sehr geliebt hätte, wenn sie noch da wäre. Mein Opa lebt seit ihrem Tod allein. Mein Papa sagt immer, dass sein Vater ein "Spätberufener" war. Opa war nämlich erst 10 Jahre verlobt und dann 10 Jahre verheiratet, bis er sich endlich dazu durchringen konnte, meinen Papa in die Welt zu setzen. Vor Kurzem haben wir Opa´s 99.ten Geburtstag gefeiert und ich habe die ganze Geburtstagsgesellschaft mit Norovirus versorgt!

Mama´s Eltern wohnen weit weg in Oberfranken und so kann ich Oma und Opa auch nicht so oft treffen, wie ich das gerne möchte. Opa muss immer sein Pferd Billy versorgen und so setzt sich Oma meistens alleine in den Zug und kommt mich besuchen. Da meine Mama ein richtiges "Omakind" war, findet sie es ungeheuer wichtig, eine Oma in der Nähe zu haben. Deshalb musste eine neue Oma her. Da man Selbige aber nun einmal nicht einfach im Katalog bestellen kann, musste eine Alternativlösung gefunden werden. Der Wink des Schicksals bescherte uns den Kontakt zu Frau Köhler, der Initiatorin des "Wunschgroßeltern-Projektes" in Traunstein. Das ist eine spitzenmäßige Sache. Hier melden sich einerseits Familien, denen die Oma oder der Opa fehlen und andererseits Omas und Opas, die keine eigenen Enkel haben oder deren Enkel weit weg leben. Frau Köhler stellt dann den Kontakt zueinander her und man kann sich "beschnuppern". Seit ich 6 Monate alt war, stand ich auf der Warteliste, doch irgendwie traute sich niemand zu, die Wunschoma oder der Wunschopa eines besonderen Kindes zu werden. Ich war sehr traurig.

Doch dann kamen im Februar 2014 Oma Dorothea und Opa Thomas in mein Leben. Es hat gleich zwischen uns gefunkt. Die Chemie stimmte einfach. Einmal die Woche besuche ich Oma in ihrem Haus in Bergen. Wenn Mama sagt, dass ich zu Oma Dorothea darf, versuche ich sofort, mich anzuziehen. Ich habe es immer sehr eilig, zu ihr zu kommen und mit ihrem Hund Leila spielen zu können. Das Wunschgroßeltern-Projekt ist ein echter Segen für mich!


Naturbursche

Ich bin am Liebsten draußen in der Natur. Ich hasse verregnete Tage in der Wohnung - Mama übrigens auch, weil sie dann einen äußerst übellaunigen Kampfzwerg an der Backe hat. Da helfen nur noch Matschklamotten und dann trotzen wir Wind und Wetter und matschen fröhlich in den Pfützen.


Florianisch

Seit Mitte 2014 bin ich 1 Mal die Woche bei der Logopädin. Mir macht es viel Spaß, zu ihr zu gehen. Ich entwickle meine Sprache auf meine eigene Weise in recht übersichtlichem, gemäßigten Tempo. Ich bin übrigens zweisprachig: Meine Muttersprache ist Florianisch und ein paar Brocken bekomme ich in deutsch hin. Seit ich 2 Jahre alt bin, lerne ich auch GuK (Gebärden unterstützte Kommunikation). Florianisch habe ich selbst erfunden und bin sehr stolz darauf. Nur meine engsten Vertrauten können meine Codesprache entziffern. Mein Florianisch ist eine gelungene Mixtur aus wilder Gestik und Wortkürzeln. EIN "Wort" bekommt durch unterschiedliche Betonung und die entsprechende Gestik eine ganz andere Bedeutung. Manchmal untermale ich das Ganze auch mit Geräuschen. Ich bin nämlich ein begnadeter Tierstimmen-Immitator! Mama sagt immer, das ist wie bei den Asiaten. Die betonen ein und dasselbe Wort auch unterschiedlich und aus dem Klang ergibt sich dann dessen Bedeutung. Mama versteht mich am Besten, alle anderen müssen noch an ihrem Florianisch feilen! "Daahl" ist beispielsweise  mein Freund "Daniel", "Dall" ist der "Stall" und "Dahl" oder "Dang" ist die "Salzstange". Ist zwar nicht einfach, aber ich bin trotzdem wenig tolerant, wenn Mama mal wieder nicht kapiert, was ich brauche. Ich baue mich dann in meiner vollen Größe von stolzen 92 cm vor ihr auf, tanze steppend auf der Stelle, während sich mein Gesicht ins Dunkelrote verfärbt und pöble lautstark ein "Menni!" in den Raum.


Trotzkopf

Meine Mama hatte sich doch tatsächlich schon in Sicherheit gewiegt, dass die Trotzphase bei mir ausbleibt, weil sie bei anderen Kindern schon so viel früher einsetzt. Böser Fehler!  Wie gesagt, ich bin eher der gemütliche Typ. Seit ich "NEEEEEIIIIIIN!" so schön sagen kann, mache ich das ausgiebig. Gerne stampfe ich begleitend auch noch mit dem Fuß auf den Boden und setze ein "Manni!" oben drauf. Ich spreize mich ausgiebigst gegen das Wickeln. Lieber dekoriere ich Mama mit meinen Windeln.

Ich lasse mich auch nicht anziehen oder ausziehen. Ich werfe Sachen durch die Gegend, wenn ich wütend bin. Und besonders gut werfe ich, wenn ich deswegen geschimpft werde!

Einmal habe ich sogar meinen Koffer gepackt und angedeutet, dass ich Mama und Papa verlassen werde. Als mir Mama dann in die Jacke geholfen hat, bin ich doch etwas erschrocken und habe schleunigst einen Rückzieher gemacht. Eigentlich bin ich ja ganz gerne das Kind von Mama und Papa, aber manchmal nerven sie höllisch.

Was ist zum Beispiel so schlimm daran, mich zu weigern, mir die Haare waschen zu lassen? Ich benehme mich dann genauso wie beim Kinderarzt, wenn er versucht, mir Blut zu nehmen! Ich winde mich und schreie und heule bis ich völlig aufgelöst bin. Mama und Papa sehen danach immer aus, als hätten sie das Bad genommen und sind jedes Mal am Ende mit den Nerven. Spätestens wenn dann noch der Föhn zum Einsatz kommt, liegen auch meine Nerven endgültig blank.

Mama sagt dann immer: "Ein Kind zu haben ist echt was Schönes!" Sie schaut dabei aber ganz und gar nicht so erfüllt.

Wenn ich wollte, dann könnte ich...

 Ich messe gerne mit zweierlei Maß: Was ich in der Krippe alles alleine kann, muss ich daheim noch längst nicht zeigen.

 Es ist doch ziemlich bequem, das Hausgesinde beschäftigt zu halten! Während das Töpfchentraining in der Krippe meist sehr erfolgreich ist, gebe ich daheim den Klokönig nur zu besonderen Gelegenheiten. Trifft durch Zufall tatsächlich einmal etwas in den Topf, dann kippe ich mir den Inhalt des Selbigen gerne über den Kopf oder verteile ihn auf dem Parkett. Womit wir dann wieder bei der verhassten Haarewäscherei wären! So ein Kleinkinderleben kann ein echter Teufelskreis sein!

Mama und Papa sind darüber nicht sehr amüsiert. Papa sagt: "Ich hole gleich die Mama!" und Mama stampft dann durch das Haus wie Rumpelstilzchen. Da ich ganz gut im Türen öffnen bin, laufe ich der Grundsatzdiskussion dann einfach davon!


Ein Königreich für Wackelpudding


Für grünen Wackelpudding oder "Wawa", wie ich ihn nenne, würde ich sterben. Bei allem anderen sterbe ich lieber, als es zu essen!!!! Ich treibe meine Eltern mit meiner Essensverweigerung in den Wahnsinn. Mama sagt dann immer: "Das kann nicht unser Kind sein!" Sowohl Mama als auch Papa sind nämlich keine Kostverächter und auch gerne mal experimentell unterwegs. Mama hat in Afrika sogar schon Mopane-Raupen und Heuschrecken gegessen! Für mich unvorstellbar. Ich esse ausschließlich Spagetti Bolognese und Reis mit Hühnchen aus dem Glas. Wenn Mama selbst Reis oder Nudeln kocht, fliegt das Essen schneller an die Wand als sie Luft holen kann! Ich weigere mich vehement, neue Geschmackserlebnisse an meinen Gaumen zu lassen. Wenn wir verreisen, haben meine Eltern immer einen Rucksack voller Spagettigläser dabei, damit sie mich unterwegs "durchbringen". Mama sagt immer: "Wer braucht schon Wechselunterhosen, wenn man auch deutsche Babygläser ins Ausland exportieren kann?!" Das Sprichwort: "Der Hunger treibt es rein!" entkräfte ich komplett, denn ich bin sturer als der Satz eines Gelehrten. Ich trete in den Hungerstreik, bis mein Glas serviert wird! Neulich hat mich der Norovirus für einige Tage ins Krankenhaus gebracht. Dort sollte ich Nudeln mit Soße essen und Tee aus einer anderen Flasche trinken als daheim. Ich weigerte mich standhaft und musste deshalb länger am Tropf bleiben! Ich helfe mit Eifer beim Pudding kochen oder backe an Weihnachten Plätzchen - essen will ich beides trotzdem nicht, bloß weil ich es selber gemacht habe. Wenn in der Krippe eine Geburtstagsfeier ist, verweigere ich auch den Kuchen. Mama und ich haben jetzt eine Esstherapie beim Psychologen vor uns, um endlich gemeinsam herauszufinden, warum ich mit Bananenscheiben Tennis spiele oder die Wände mit Mamas Kochkünsten dekoriere. Wünscht Mama Glück, sie kann es brauchen ;-)




Irgendeine Idee,

warum Mama ausgerechnet

DIESES Faschingskostüm

für mich ausgesucht hat?